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7. Elly Heuss-Knapp 

7.1 Schülerinnen interviewen Elly Heuss-Knapp

7.2 Lebenslauf von Elly Heuss-Knapp

 

 Interview mit Elly Heuss-Knapp

Guten Tag, dürfen wir uns vorstellen? Wir sind zwei angehende Abiturientinnen, die sich derzeit mit Elly Heuss-Knapp beschäftigen. Es stellt sich nun die Frage. wer war Elly Heuss-Knapp?

Wir möchten euch nun das Exklusiv-lnterview mit der starken Persönlichkeit wiedergeben, das sie uns vor einiger Zeit gegeben hat Wir trafen Elly an einem sonnigen Sonntagmorgen auf einer Parkbank.

Nicole/Simone: Guten Morgen, Frau Heuss-Knapp. Wie geht es Ihnen?

EIIy: Guten Morgen. Mir geht es gut. Ihr könnt gerne ,,Du" zu mir sagen.

Ni/Si: ElIy, könntest du dich zu allererst einmal vorstellen.

Elly: Meinen Namen kennt ihr ja schon. Ich bin die Gattin des ersten Bundespräsidenten, das ist genau der Mann, der eurer Schule ihren Namen gegeben hat.

Ich wurde 1881 in Straßburg geboren. Mein Vater war Professor an der renommierten Straßburger Universität. Meine Mutter kam aus dem Kaukasus. Sie war ein richtiges Sprachwunder, denn sie beherrschte sieben Sprachen. Ich habe noch eine ältere Schwester, die Marianne heißt.

Ni/Si: ElIy, wenn wir schon bei deiner Familie sind, könntest du uns bitte einmal dein Verhältnis zu deinen Eltern schildern?

Elly: Sehr gerne. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Traurig war nur, daß meine Mutter häufig krank war. So kam es auch, daß ich keine so enge Beziehung zu ihr aufbauen konnte, was aber nicht heißt, daß ich sie weniger geliebt habe. Von daher lag die Erziehung vermehrt bei meinem Vater und bei meinem geliebten Großvater.

Ni/Si: Das ist aber sehr ungewöhnlich, daß der Vater die in deinem Fall nicht gerade freiwillig übernommene Erziehung übernahm. Es ist zwar in der heutigen Zeit nichts Besonderes, wenn ein Mann die Erziehung übernimmt, jedoch war es zu deiner Zeit, man bedenke, daß du im Kaiserreich aufgewachsen bist, etwas sehr Außergewöhnliches. Diese Zeit war doch geprägt von Traditionen und strengen Rollenverteilungen.

Elly: Da habt ihr beiden schon recht, daß diese Rollenverteilung für damalige Zeiten nicht gerade gewöhnlich war, aber bei uns ging es nun mal nicht anders. Meine Mutter, die wegen ihrer häufigen Krankheiten oft in der Kur war, schied aufgrund dessen fast vollständig aus der Erziehung aus. Durch die häufigen Besuche bei meinem Opa entwickelte sich eine starke Zuneigung. Ich verbrachte manchmal Monate bei ihm. In dem Ort Braunschweig wurde ich getauft. Als ich sieben Jahre alt war und ich von meinem Großvater zum Zug begleitet wurde, der mich wieder zu meinen Eltern bringen sollte, sprang ich aus lauter Verzweiflung aus dem schon fahrenden Zug, nur um meine Abreise von meinem geliebten Opa zu verhindern.

Ni/Si: Tja, du scheinst ein lebhaftes Kind gewesen zu sein. Kannst du uns noch mehr von deinen Kinderstreichen erzählen?

Elly: Ja, ihr habt recht, es gibt noch mehr solch kleiner Geschichten. An eine Geschichte kann ich mich noch recht gut erinnern. Einmal hielt ich Professor Laband von der hiesigen Universität, der sehr einem Stier glich, mit einem Lasso gefangen. Hinter einem Busch versteckt rief ich ihm zu, daß er sich mit einer Tafel Schokolade freikaufen könne. Ein andermal entfachte ich Feuer hinter den Franzosenwällen, um mein heißgeliebtes Cowboyspiel realistischer zu gestalten. Mein Vater ahnte, als er die Rauchwolke über der Stadt sah, daß ich einmal wieder etwas ausgeheckt habe und eilte herbei um mir zu helfen. Letztendlich fand er mich nur mit verbrannten Schuhsohlen die Flammen austretend.

Ni/Si: Elly, schickte sich dieses Verhalten für eine Tochter aus gutem Hause?

Elly: Nein, sicherlich nicht. Aber mein Vater hatte diesbezüglich sehr viel Geduld mit mir. Er sah über dieses flegelhafte Benehmen hinweg.

Ni/Si: Wie wir ja wissen, warst du sehr sozial engagiert. Wurde der Grundstein für dein soziales Engagement schon in deiner Jugendzeit oder gar in deiner Kindheit gelegt?

Elly: Ja der Grundstein wurde schon in früher Kindheit gelegt. Ich merkte sehr bald, daß es in unserer Gesellschaft behütete und unbehütete Kinder gab. Ich bin mir sicher, daß diese Feststellung mein Leben geprägt hat.

Ni/Si: Du gehörtest zu den behüteten Kindern. Über deine Kindheit durften wir nun schon einiges erfahren. Könntest du uns bitte auch etwas aus deiner Schulzeit berichten?

Elly: Ich hatte das große Glück die Schule besuchen zu dürfen. Das war zu meiner Zeit nicht selbstverständlich. Die meisten Kinder der damaligen Bevölkerung konnten nicht auf eine Schule gehen, obwohl sie diese gerne besucht hätten. Als wir nach Baden-Baden umzogen, ließen mich die Lehrer eine Klasse überspringen, was natürlich eines kleinen Tricks meinerseits bedurfte. Als ich einmal von meinem Lehrer aufgerufen wurde um ein Gedicht aus dem Lesebuch vorzutragen, war dieser ganz verblüfft über mein ausgezeichnetes Lesevermögen. Er bedachte aber nicht, daß ich genau dieses Gedicht einmal zu Hause auswendig gelernt habe und ich im Grunde genommen eine miserable Leserin war. Diesem kleinen Umstand verdanke ich es, daß ich die Klasse übersprang. Dadurch war ich zwar die Jüngste, die nie richtig lesen konnte, jedoch störte mich das nicht. Daraufhin gab mir mein Vater Nachhilfeunterricht. Meine Motivation war diesbezüglich nicht sehr groß und so fing ich jedesmal herzerweichend zu weinen an, bis mein Vater aufgab.

Ni/Si: Das ist schon beachtlich, wie du dich aus unangenehmen Situationen gerettet hast. Wenn dir die Schule nicht sehr am Herzen lag, was war es dann, was dich reizte?

Elly: Das wichtigste war, oder besser gesagt, legte ich meinen Schwerpunkt darauf anderen zu helfen und für andere da zu sein. Ich wollte etwas verändern, soziale Ungerechtigkeit beseitigen. Kurz, das Frauenbild verbessern.

Ni/Si: Das hört sich sehr interessant an. Aber wie genau hast du dein Vorhaben verwirklicht?

EIly: Mit achtzehn Jahren habe ich in Straßburg meine Lehrerinnenprüfling abgelegt und leitete daraufhin einen Knabenhort, gründete eine Fortbildungsschule, in der ich ehrenamtlich Bürgerkunde unterrichtete. Außerdem half ich als Mitglied des Bezirksausschusses beim Aufbau des neuen Straßburger Systems der Armenpflege.

Ni/Si: Das alles war doch sicherlich für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich?

EIIy: Da habt ihr beiden nicht gerade unrecht. Damals um die Jahrhundertwende war das für eine Professorentochter durchaus nicht selbstverständlich. Aber ich fühlte mich gerade für diese Aufgabe berufen.

Ni/Si: Woraus hast du deine Kraft für diese aufwändige Berufung geschöpft?

EIIy: Bereits mit 15 Jahren hatte ich bei Friedrich Naumanns Zeitschrift ,,Hilfe" tatkräftig mitgewirkt.Die Gedanken, die hinter dieser Zeitschrift steckten, faszinierten mich schon von Anfang an. Ich fühlte mich Naumanns sittlich- sozialen Forderungen an die Gesellschaft geradezu verpflichtet.

Si/Ni: Elly, du hast gerade Friedrich Naumann erwähnt. Wir wissen zwar grob, wer Naumann war, aber könntest du uns trotzdem kurz erklären, wer er war?

Elly: Aber gerne erkläre ich euch, wer Naumann war. Als erstes muß ich sagen, daß Naumann ein faszinierender Mann war. Er wurde 1860 geboren und starb am 24.8.1919. Er war evangelischer Theologe und Politiker. Er gründete 1896 den ,,Nationalpolitischen Verein" und die Zeitschrift ,,Hilfe", mit der Absicht, den Arbeiter für einen christlichen Sozialismus und die Mitarbeit am Staat zu gewinnen. 1919 wurde er Vorsitzender der Demokratischen Partei.

Ni/Si: Das schien ein sehr interessanter Mann gewesen zu sein. Aber was passierte eigentlich aus deinem alten Straßburger Freundeskreis? Konntest du dich überhaupt noch um sie kümmern, angesichts deiner verlagerten Interessen? Sie waren wahrscheinlich nicht so sozial engagiert.

Elly: Da habt ihr beiden recht. Durch mein neues Aufgabenfeld blieb nur noch sehr wenig Zeit, mich um meine alten Freunde zu kümmern. Außerdem konnten sie mein soziales Engagement nur recht schwer verstehen. Aber gerade durch die Arbeit mit Naumann gewann ich sehr viele neue Freunde. Einer von ihnen war Albert Schweitzer und seine spätere Gattin Helen Bresslau.

Ni/Si: Albert Schweitzer war doch der sogenannte ,,Urwalddoktor"?

Elly: Das stimmt genau. Kennt ihr ihn? Das war auch eine Persönlichkeit, bei der man sich glücklich schätzen konnte, sie einmal kennenlernen zu dürfen. Er wurde 1875 im Elsaß geboren und lebte bis 1965. Er war wie Naumann evangelischer Theologe, Tropenarzt, Kulturphilosoph, Musikwissenschaftler und Organist. Er gründete ein Spital in Lambarene (das ist ein Ort in Gabun), ein Spital, das er ununterbrochen von 1913-65 leitete. Also noch einige Jahre nach meinem Tod. 1952 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Ni/Si: Wie gestaltetest du dein Leben weiter?

Elly: Ich ging als Gasthörerin der Nationalökonomie nach Berlin. Dort lernte ich auch Theodor kennen. Zwischen uns waren sofort Sympathien. Theodor und ich waren früher sehr viel auf Reisen. Und so kam es auch zu dem anfänglich zwar etwas zurückhaltenden, später jedoch starken Briefwechsel. Zu unserer Zeit gab es das Telefon noch nicht, und so blieb uns nichts anderes übrig, als den Kontakt über die zahlreichen Briefe aufrecht zu erhalten. Für uns war es eine Freude, dem anderen per Brief mitzuteilen, was man den ganzen Tag gemacht hat.

Ni/Si: Weil uns eure Briefe so gut gefallen haben, haben wir uns spontan dazu entschlossen, die schönsten davon zu veröffentlichen. Es ist an euren Briefen sehr auffällig, daß ihr euch zwar über einen längeren Zeitraum gesiezt habt, die Vertrautheit, die zwischen euch geherrscht hat, jedoch ganz eindeutig herauszulesen ist.

Elly: Ja, es war bei uns die sogenannte ,,Liebe auf den ersten Blick". Es herrschte zwischen uns eine große Vertrautheit von Anfang an. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nichts voneinander hörten.

Si/Ni: Wie ging es dann mit euch beiden weiter? Wann habt ihr euch verlobt?

Elly: Am 14.05. 1907 boten wir uns das ,,Du" an. Kurz darauf haben wir uns verlobt. Bis zu unserer Hochzeit warteten wir noch etwa anderthalb Jahre. Das war 1908 in Berlin. So wurde Berlin zu meiner zweiten Heimat.

Si/Ni: Konntest du nach deiner Heirat weiterhin sozial tätig sein oder hast du die konventionelle Frauenrolle übernommen?

Elly: Nein, die typische Frauenrolle übernahm ich nicht. Nach der Heirat arbeitete ich weiterhin bei Naumanns Zeitschrift mit. Außerdem unterrichtete ich in der Victoria-Fortbildungsschule für Frauen und half beim Aufbau der Abteilung ,,soziale Arbeit". 1911 fing ich an, Vorträge über das soziale Wirken der Frauen in verschiedenen deutschen Städten zu halten. Trotzdem habe ich mich nie einer bestimmten Organisation verschrieben. Mein Wunsch war es, für jeden da zu sein. Ist es euch bekannt, daß ich auch Bücher geschrieben habe? 1910 erschien das Buch ,,Bürgerkunde mit Volkswirtschaftslehre für Frauen". Es war das erste Buch dieser Art. Bis 1933 diente es dem Unterricht in Mädchenschulen.

Si/Ni: Das war uns unbekannt, daß du auch Bücher geschrieben hast. Hast du nicht auch einmal ganz in unserer Nähe gelebt?

Elly: Ja, wir lebten eine Zeitlang in Heilbronn. 1912 übernahm mein Mann die Redaktion der Neckar-Zeitung in seiner Heimat. Anfänglich fiel es mir zwar schwer, die Hauptstadt zu verlassen. Später jedoch genoß ich die Zeit in Heilbronn. Der Umzug hatte den Vorteil, daß ich mich intensiver um meinen mittlerweile zweijährigen Sohn kümmern konnte. In dieser Zeit schrieb ich hauptsächlich Kindergeschichten.

Si/Ni: Hast du in Heilbronn gänzlich mit deiner sozialen Arbeit aufgehört?

Elly: Nein, ich konnte nicht völlig damit aufhören. Ich gründete Arbeitskreise für Mädchen, die unter meiner Führung Hilfe in Krippen, Kinderhorten und Altersheimen leisteten. In Heilbronn erlebte ich auch den ersten Weltkrieg. In dieser Zeit verlagerte ich meine eigentliche Arbeit auf die Gründung einer Arbeitsbeschaffungsstelle für Frauen, die Heereslieferungen und Materialzuteilungen beinhaltet. Damit gelang es mir, daß ich die Frauen vor der Abschiebung in die Munitionsfabriken bewahrte. Außerdem schuf ich eine Art ,,Sprechstunde", in denen ich den Frauen die Möglichkeit gab sie bei seelischen und gesundheitlichen Problemen zu betreuen.

Si/Ni: War es unter diesen Umständen enorm schwierig, diese Organisation zu verwirklichen?

Elly: Doch, sie war sicherlich nicht perfekt. Aber nicht die perfekte Organisation war das Ziel, sondern der Dienst am Menschen.

Si/Ni: 1918, nach Ende des Krieges stand der Umzug nach Berlin bevor. Fiel dir der Abschied aus der, im Vergleich zu Berlin doch eher Kleinstadt, nicht schwer?

Elly: Ja, sehr. Die ganzen Mitarbeiterinnen fehlten mir sehr. Aber in Berlin blieb kaum Zeit zum Nachdenken. Ich hatte sogleich ein neues Betätigungsfeld. Wie ihr wißt, durften die Frauen am 19.01.1919 das erste Mal wählen. Ich engagierte mich in der Politik. Es kam sogar soweit, daß ich an einem überparteilichen Ausschuß der Frauenverbände aufstellen ließ und übernahm die Abteilung Propaganda. Da mein Mann in der DDP tätig war, kam es auch, daß ich später in die Partei eintrat. Einige Jahre lang betätigte ich mich in der DDP, doch dann zog ich mich aus der parteipolitischen Arbeit zurück.

Si/Ni: Warum, fandest du das Thema Politik nicht interessant?

Elly: Doch es war ein sehr interessanter Abschnitt in meinem Leben. Es drängte mich jedoch zu Aufgaben, die unmittelbare menschliche Hingabe verlangten. Ich ging dann wieder meiner ursprünglichen Liebe der sozialen Arbeit nach. Ich arbeitete als sogenannte Wohlfahrtspflegerin, wurde Schöffe am Gericht. Als Mitarbeiterin von Alice Salomon und Anna von Gielke half ich beim Aufbau der ,,Nachbarschaftshilfe". Diese beinhaltete, besonders während der Inflationszeit, als die Krise der Sozialversicherungsanstalten ihren Höhepunkt erreichten, die direkte Unterstützung von Hilfsbedürftigen. Für mich war die ,,Nachbarschaftshilfe" mein Lebenswerk. Aber nebenbei fand ich auch noch Zeit, meiner Leidenschaft, dem Unterrichten an Schulen, nachzugehen. Ich war eine begeisterte Lehrerin, die den Schülern Staatsbürgerkunde, Sozialpolitik, Deutsch und Volkswirtschaftslehre beibrachte. Mir fiel es sehr schwer, an einer Schule vorbeizugehen, ohne einzutreten und die ,,Kunst" zu begrüßen. Während des 2. Weltkrieges konnte Theodor nicht mehr politisch aktiv sein. Damit stand ich vor der Aufgabe, die Familie zu ernähren.

Si/Ni: Hast du die Familie durch dein Lehrerinnengehalt ernährt?

Elly: Nein. Ich fand in der Werbebranche eine lukrativere Einkommensmöglichkeit. Durch meine ausgesprochen gute Dichtergabe fiel es mir leicht, für diverse Firmen individuelle Werbesprüche zu kreieren. Dadurch konnte ich die Familie während des 2. Weltkrieges ernähren. Aber auch in dieser Branche wollte ich nicht länger bleiben als nötig. Nach 1945 wurde ich Abgeordnete im württembergischen Landtag und widmete mich der politischen Schulungsarbeit. Aufgrund meines schlechten gesundheitlichen Zustandes, mußte ich mich unfreiwilligerweise aus der politischen Arbeit zurückziehen. Da mein Mann 1949 Bundespräsident wurde, hätte ich mich auch, unabhängig von meinem gesundheitlichen Zustand, aus der politischen Arbeit zurückgezogen. lch verzichtete bewußt darauf, öffentliche Aufgaben rein repräsentativer Natur zu übernehmen.

Si/Ni: Du warst um 1949 sehr geschwächt, warum hast du dieses letzte bißchen Kraft verschwenderisch in dein letztes Werk gesteckt?

Elly: Ihr meint das Muttergenesungswerk. Ich baute das Werk so aus, daß ein Gemeinschaftswerk aller aufbauwilligen Frauenorganisationen der verschiedenen weltanschaulichen und politischen Richtungen und als Stiftung eine rechtlich dauerhafte Form erhielt. Das Muttergenesungswerk ist ein bleibendes Vermächtnis einer wunderbaren Frau. Elly Heuss-Knapp starb am 19. Juli 1952. ,,Es wurde ihr das letzte Geschenk zuteil, das Gott starken Menschen gewährt, bewußt Abschied nehmen und sich gerüstet und voll Vertrauen in seine Hände zu geben."2

Quellen:

[1] Heuss-Knapp, Elly, Ausblick vom Münsterturm. Erinnerungen, Tübingen 1952

[2] Teusch, Christine, Im Dienst der Stunde", herausgegeben vom Deutschen Müttergenesungswerk, o.O. u.o.J.

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Ein Stück Frauenbewegung und ein Muster für andere !

Wir möchten Euch nun in eine andere Welt entführen.

In die Welt von einer faszinierenden Frau, die uns allen Vorbild sein sollte.

Eine Frau, emanzipiert und stark, jedoch trotzdem gefühlvoll und lieb.

Nichts Besonderes?

Doch, denn diese Frau wurde 1881 geboren.

Elly Knapp, spätere Elly Heuss-Knapp.

Für all diejenigen unter Euch, die etwas lesefaul sind, haben wir versucht, dieses interessante Leben in kurze Stichworte zusammenzufassen. Vielleicht weckt es ja auch Euer Interesse, etwas mehr über diese tolle Frau erfahren zu wollen.

Ich möchte den Text nun mit einem sehr prägnanten Zitat beginnen.

"Elly war stets dazu bereit, wechselnde Aufgaben und Umstände hinzunehmen. Sie vernahm den Ruf der Menschen und der Zeit und antwortete ihm mit schöpferischer Liebe. Ich ging, wohin man mich rief".

Dieser Satz aus ihrem Buch "Ausblick vom Münsterturm" scheint der Schlüssel zum inneren Reichtum ihres Lebens zu sein.[1]

 

Kindheit,...wie alles begann

Elly wird 1881 in Straßburg geboren. Ihr Vater war Professor an der damals deutschen Universität in Straßburg. Ihre Mutter kam aus dem Kaukasus und sprach 7 Sprachen. Leider war ihre Mutter oft krank, so dass sie und ihre Schwester viel Zeit bei ihrem Großvater verbrachten.

Bereits mit vier Monaten verbrachte sie 1 1/2 Jahre bei ihrem Opa. Dort wurde sie getauft, lernte sprechen und lieben. Der Abschied von ihrem Opa war eine Katastrophe. Mit 7 Jahren ist sie einmal im Darmstädter Bahnhof aus dem schon fahrenden Zug gesprungen, weil sie bei ihrem Opa bleiben wollte. Elly war also ein sehr aufgewecktes Kind. Einmal hielt sie den damaligen Rektor der Uni. Prof. Laband, der ihrer Meinung nach wie ein Stier aussah, mit dem Lasso gefangen. Hinter einem Busch versteckt rief sie ihm zu, er könne sich mit Schokolade freikaufen.

Heuss-Knapp, Elly, Ausblick vom Münsterturm. Erinnerungen, Tübingen 1952

 

Jugendzeit,... so ging's weiter

- Mit 18 Jahren legte sie eine Lehrerinnenprüfung ab, leitete einen Knabenhort und gründete Fortbildungsschulen, wo sie Bürgerkunde unterrichtete.

- bereits mit 21 Jahren orientierte sie sich bei Friedrich Naumann, der damals die Zeitschrift "Hilfe" herausgab, und ihr großes Vorbild war.

- kurze Zeit später geht sie als Gasthörerin zum Studium der Nationalökonomie nach Freiburg und Berlin.

- in Berlin lernt sie auch im Kreise um Naumann ihren zukünftigen Mann Theodor Heuss kennen.

1908 heiratet sie ihren "Dorle"(Theodor Heuss) in Straßburg. Materielle Gründe können es nicht gewesen sein, denn der mehrere Jahre jüngere Theodor hatte als Redakteur nur ein unsicheres Gehalt. Getraut wird das Paar von Albert Schweitzer. Bei ihrer Heirat legt Elly Wert darauf ihren Mädchennamen zu behalten und ihr Geld alleine zu verwalten. Dies war für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich und durchaus emanzipiert.

 

Elly ist erwachsen,... und dann?

- Mitarbeit bei Naumann, um im sozial-politischen Kreis der "Hilfe" mitarbeiten zu können. Unterricht in der Viktoria Fortbildungsschule, Aufbau der Abteilung "soziale Arbeit" bei der großen Ausstellung : "Die Frau im Haus und Beruf"

- 1910 erscheint ihr Buch "Bürgerkunde und VWL für Frauen", das bis 1933 dem Unterricht in Mädchenschulen diente.

- 1911 hält sie Vorträge in ganz Deutschland

 

Elly ist Mutter,... nur Mutter?

- 1912 wird Heilbronn ihre neue Heimat. Das Verlassen Berlins fällt ihr nicht leicht, jedoch hat sie dadurch mehr Zeit für ihren zweijährigen Sohn.

- zu dieser Zeit (kurz vor dem 1. Weltkrieg) schreibt sie auch Kindergeschichten

 

Elly im Krieg, ... Das Aus für diese wundervolle Frau?

 

Elly in der Nachkriegszeit,... und nun?

- Elly und Theodor lassen sich als Kandidaten für die DDP aufstellen. Diese Wahl (1918) ist die erste, bei der auch Frauen ein Stimmrecht haben. Elly kämpft dafür, dass gezielt Frauen angesprochen werden ohne Wahlwerbung der einzelnen Parteien.

Frauen, werbt und wählt,

jede Stimme zählt!

Jede Stimme wiegt,

Frauenwille siegt !

[1]

- Ihre Kandidatur bleibt jedoch erfolglos.

- auch 1920 wird sie nicht in den Reichstag gewählt.

- daraufhin unterrichtet sie wieder Staatsbürgerkunde, Sozialpolitik und Deutsch sowie VWL in Berlin

- 1924 gelingt es ihrem Mann in den Reichstag gewählt zu werden.

- dieses Wirken wurde nach dem Ermächtigungsgesetz durch die Nazis unterbrochen.

 

Elly in der NAZI-Zeit,..,.was bedeutet dies für eine emanzipierte Frau?

- ihr Gatte verliert seine Stelle und sein Einkommen.

- Während des sog. Dritten Reiches (1933 - 1945) kann das Ehepaar Heuss politisch nicht mehr aktiv sein.

- Elly muss für den Unterhalt aufkommen.

- diese Möglichkeit findet sie in der Wirtschaftswerbung. Aus einem Werbeheft für Pastillen gestaltet sie einen Wegweiser für alle Singenden, der in 440 000 Exemplaren in Gesangsvereinen und Chören verbreitet wurde.

Auf Schritt und Tritt

Nimm Wybert mit

Ob's windet, regnet oder schneit,

Wybert schützt vor Heiserkeit.

Apotheker, Drogisten, die geben Dir Kunde,

Nimm Wybert, nimm Wybert

Zu jeglicher Stunde.

- Elly arbeitet außerdem für Nivea, Kaffee-Haag, Knorr, Persil und Henkel-Trocken.

- Auch die Kriegswaschfibel wird dank ihr zum Renner.

- Ende des 2 WK.

[1] Buff Dietrich, "Warum wir unsere Schule Elly Heuss - Knapp Schule nennen", unveröffentliches Manuskript für diese Schule, o.J, 77815 Bühl, Seite 3

 

Elly zum zweiten Mal in der Nachkriegszeit,...hat diese Frau noch Kraft?

- mit dem Ende des Krieges setzt sie ihre unpolitische Werbetätigkeit nicht fort.

- Sie engagiert sich trotz schwacher Gesundheit wieder in der Politik. Mit ihrem Mann zusammen kandidiert sie 1946 auf der Liste der "Demokratischen Volkspartei" (heutige FDP) für den Landtag von Württemberg - Baden, und beide werden auch gewählt. "Natürlich finden wir sie im sozial-politischen Ausschuss, wo sie sich damit beschäftigt, dass schulpflichtige Kinder jeden Tag wenigstens eine Mahlzeit bekommen und die Schulklassen weniger als 50 bis 60 Schüler haben. Manchmal wird sie wegen ihrer Fürsorge liebevoll-spöttisch "Landesmutter" genannt." [1]

- 1949 wird ihr Mann zum ERSTEN Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt.

Ellys Leben als First Lady,...langweilig?

- Das Leben als First Lady engte zwar ihr Handeln ein, bot ihr jedoch auch neue Möglichkeiten.

- Bei ihrer sozialpolitischen Arbeit hatte sie auch das Mütterwerk der Bayrischen Evangelischen Kirche kennengelernt. Unter ihrem Vorsitz wird aus dem konfessionellen Mütterwerk 1950 das große überkonfessionelle Deutsche Müttergenesungswerk aller deutschen Wohlfahrtsverbände. "Das Müttergenesungswerk war für mich eine wirkliche Krönung meines Lebens", schreibt sie in ihrem Vermächtnis im Mai 1952, als sie merkt, dass ihre Kräfte zu Ende gehen.[1]

Am 19. Juli 1952 stirbt eine wundervolle Frau.

Elly Heuss-Knapp.

[1]+[2] Buff Dietrich, "Warum wir unsere Schule Elly Heuss - Knapp Schule nennen", unveröffentliches Manuskript für diese Schule, o.J., 77815 Bühl, Seite

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